Wo auch im Alter die Musik spielt

Giuseppe Verdi war nicht nur ein brillanter Opernkomponist, sondern auch ein überzeugter Philantrop. Mit seinem Vermögen schuf er in Mailand eine Altersresidenz, wo Musikerinnen und Musiker ihre letzten Lebensjahre unter ihresgleichen verbringen können. Die Idee hat nach 126 Jahren nichts an Attraktivität eingebüsst.
«Happy Birthday» schallt es aus dem Aufenthaltsraum im ersten Stock des Palazzos. Dort feiert gerade die älteste Bewohnerin mit drei Dutzend Gästen ihren 104. Geburtstag. Der Pianist Raimondo Campisi, der seit 8 Jahren hier wohnt, spielt auf. Ein Bariton schmettert eine Verdi-Arie, wer kann singt mit. Und als die grosse Torte angeschnitten wird, untermalt Campisi das mit fetzigem Jazz.
Campisi wohnt seit 8 Jahren in der «Casa di Riposo per Musicisti» an der Piazzale Buonarotti in Mailand. Dies nachdem ein Herzinfarkt seine Laufbahn als Berufsmusiker abrupt beendet hatte. Dass er für seinen letzten Lebensabschnitt die Casa Verdi wählte, hat einerseits familiäre Gründe, denn die Familie Campisi war seit je mit Verdi sehr verbunden. Schon sein Grossvater spielte als Oboist bei der Uraufführung der Oper Aida 1871 in Kairo. Campisis Vater leitete später das dortige Opernhaus, und so wuchs Raimondo in Ägypten auf. Zum andern waren es die Atmosphäre und die Entfaltungsgmöglichkeiten, die Campisi hierher zogen: «Dieses Haus hält mich lebendig. Ich pflege regen Kontakt mit anderen Musikern im Haus und auch mit Musikstudierenden, die hier oft üben oder Konzerte geben.» Auch Campisi übt noch immer jeden Tag zwei Stunden. «Damit trainiere ich Gedächtnis und Ausdauer und erhalte meine Leidenschaft».
Die Leidenschaft für Kunst und Musik war für alle Bewohnerinnen und Bewohner das Hauptmotiv, diesen Ort zu wählen. Er bildet einen idealen Rahmen, um gemeinsame Interessen zu pflegen, neue Freundschaften zu schliessen, aber auch Kontakte zur Musikszene ausserhalb zu pflegen. So finden im Konzertsaal der Casa Verdi wöchentlich Aufführungen statt, es gibt Übungszimmer und sogar ein kleines Museum, das zahlreiche musikinteressierte Besucher ins Haus lockt.
Für die Aufnahme in die Casa Verdi gibt es eine Bedingung: Man sollte Berufsmusikerin oder -musiker sein und in Italien wohnen (wobei aber die Nationalität keine Rolle spielt). Trotz aller Annehmlichkeiten kann sich fast jeder den Aufenthalt hier leisten, denn die Beitragszahlung orientiert sich am Einkommen. Verdi hat die Institution nämlich ausdrücklich für jene geschaffen, die sich im Alter kein würdiges Zuhause hätten leisten können.
Bild: Raimondo Campisi (Pianist und Bewohner), Robert Ulrich (Gründer home60.ch)
Das Eintrittsalter liegt bei 65 Jahren, das Durchschnittsalter bei über 85 Jahren, und so wächst auch die Zahl der Pflegefälle. Staatliche Gelder erhält die Casa Verdi zwar nicht, wie die Direktionsassistentin des Casa Verdi betont. Doch die Verdi-Stiftung verfügt zum Glück über ausreichend Geldmittel, um den Betrieb mit qualifiziertem Personal zu stemmen.
Die Casa Verdi ist auch in Italien einzigartig. In den Medien erscheinen immer wieder Reportagen, so gerade kürzlich in der renommierten Wochenzeitung Espresso. Der Schweizer Regisseur Daniel Schmid hat 1981 einen Dokumentarfilm über die Institution gedreht («Der Kuss der Tosca») und auf Youtube ist das Haus mit diversen Beiträgen präsent. Bleibt die Frage: Kommt die Casa Verdi als Modell für ähnliche Institutionen in der Schweiz infrage? Schreiben Sie uns doch bitte Ihre Meinung auf [email protected].